Die Tagespost: Was könnte im Kopf dieses Kopiloten vor sich gegangen sein, der in den selbst gewählten Tod 149 Menschen mitriss?
Raphael M. Bonelli: Man kann in einen anderen nie ganz hineinschauen. Erkennbar ist die Suizidabsicht eines Menschen, der sein Leben nicht alleine beenden will: Andere Menschen sollen mit ihm zu Tode kommen, und es soll möglichst spektakulär sein. Dieser Mensch hat es geschafft, mit seinem Abgang aus dem Leben einen unheimlichen Lärm zu machen. Das weist auf eine narzisstische Persönlichkeit hin, auf brüchigen Selbstwert, starke Verletzbarkeit, Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen. Diese Dimension der Rücksichtslosigkeit, die man auch Bosheit nennen kann, sehen wir bei pathologischen Narzissten.
Beim „erweiterten Suizid“ nehmen Suizidanten oft Nahestehende mit in den Tod. Gleicht dieser Fall nicht eher einem Amoklauf, bei dem der Täter wahllos mordet – und den eigenen Tod dabei in Kauf nimmt?
Bonelli: Einerseits einem Amoklauf, aber auch Fällen, wo ein Mensch im Straßenverkehr anderen frontal hineinfährt. Der Amoklauf ist ein guter Vergleich, weil viele Menschen zu Schaden kommen und der Täter sich auch selbst hinrichtet. Dieser Fall hat auch mit Geltungssucht und Narzissmus zu tun. Der Psychiater hat kein Instrumentarium, um die menschliche Bosheit zu messen, die hier sichtbar wird: „Wenn ich nicht mehr bin, sollen andere mit mir sterben.“ Diese Dimension können wir nicht erfassen.
Ist es denkbar, dass ein solcher Täter vorher psychisch völlig unauffällig agiert, dass es keine Anzeichen für eine solche Tat gibt?
Bonelli: Ja, angeblich hat er vorher mit dem Piloten gescherzt. Es ist denkbar, dass er sehr unauffällig war. Was im Kopf eines Menschen vorgeht, ist oft nicht feststellbar. Wir kennen das von Suizid-Patienten, die in dem Moment, in dem sie die Suizid-Entscheidung getroffen haben, besonders gelassen, ja froh und erleichtert sind, weil sie das Ringen hinter sich haben. Das missinterpretiert der Psychiater mitunter fälschlich als Besserung. Es ist denkbar, dass dieser Mann besonders ruhig und gelassen war, weil er sich bereits entschieden hatte.
Ist so das Schweigen des Kopiloten in den letzten Minuten vor dem Crash erklärbar?
Bonelli: Es soll die Atmung ganz ruhig gewesen sein. Wenn jemand weiß, dass er gleich stirbt, atmet der normale Mensch schneller. Die ruhige Atmung weist in diesem Fall auch auf Narzissmus: Dass andere machtlos an die Türe klopften, gab ihm wohl Befriedigung. Lufthansa testet seine künftigen Piloten nur am Beginn ihrer Laufbahn psychologisch.
Bräuchte es laufende psychologische Tests, oder würde das auch nicht helfen?
Bonelli: Eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur würde man schon entdecken, aber durch jeden psychologischen Test kann man sich durchwinden, mit Ausnahme von Intelligenztests. Ich warne davor, jetzt das Heil in psychologischen Tests zu suchen. Wenn jemand eine so böse Tat plant, lässt sich das nicht durch einen Psycho-Test einfangen. Wenn die Ursache allerdings in einer hirnorganischen Störung liegt – was hier sehr unwahrscheinlich ist – kann man das mit Tests schon herausholen. Es gibt auch das Phänomen, dass Menschen durch Drogenkonsum, durch Amphetamine verändert sind. Dann können Taten resultieren, die man schon im Kopf hatte, aber lange doch nicht wagte. Dasselbe könnte passieren durch Antidepressiva. Es ist ja die Hypothese in den Raum gestellt worden, dass er sich selbst mit Antidepressiva behandelt habe. Wir sind in unserem Verhalten abhängig vom richtigen Funktionieren unseres Gehirns, und andererseits vom Willen, das Gute zu tun oder das Böse. An diesen zwei Dimensionen macht sich menschliches Verhalten fest. Es gibt Amokläufer, die psychotisch sind und nicht wissen, was sie tun. Und es gibt Täter, die andere Menschen töten, und bei denen man zu dem Schluss kommt, dass sie sich in Freiheit für das Böse entschieden haben. In diesem Fall wäre für den Psychiater das ganze Leben des Menschen interessant: Gab es vielleicht ein Doppelleben oder Geheimnisse?
Das Interview erschien in der deutschen Tagespost.