Ehe | Raphael M. Bonelli https://seite.bonelli.tv Vorträge, Diskussionen, Interviews Tue, 28 Jul 2020 12:38:55 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.4.16 Tagung: Gelingende Ehen brauchen Vorbilder https://seite.bonelli.tv/tagung-gelingende-ehen-brauchen-vorbilder/ Mon, 28 Jan 2013 15:16:55 +0000 http://www.bonelli.tv/?p=730 Der Psychiater Raphael Bonelli, befasste sich in seinem Vortrag mit der Arbeit an der Beziehungsfähigkeit, welche auch nach der Hochzeit weiter gehe. Vieles im Kennenlernen zwischen Mann und Frau sei gefühlsbetont, so Bonelli. Wenn man sich die Scheidungsstatistiken ansehe, bemerke man, dass es viele Scheidungen nach den ersten zwei bis drei Jahren Ehe gibt. Das […]

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Der Psychiater Raphael Bonelli, befasste sich in seinem Vortrag mit der Arbeit an der Beziehungsfähigkeit, welche auch nach der Hochzeit weiter gehe. Vieles im Kennenlernen zwischen Mann und Frau sei gefühlsbetont, so Bonelli. Wenn man sich die Scheidungsstatistiken ansehe, bemerke man, dass es viele Scheidungen nach den ersten zwei bis drei Jahren Ehe gibt. Das sei laut Bonelli der Zeitpunkt, an dem die intensive Sexualität abflaue. Da habe die katholische Kirche doch eine Botschaft, die – wie ihm scheint – nicht ankomme, nämlich dass „Sexualität nicht alles ist in der ehelichen Beziehung“.

Der ganze Artikel kann auf der Webseite der Österreichischen Katholischen
Presseagentur KATHPRESS nachgelesen werden.

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Geschraubt, nicht geschweißt https://seite.bonelli.tv/geschraubt-nicht-geschweist/ Thu, 29 Dec 2011 12:41:13 +0000 http://www.bonelli.tv/?p=446 Zur Psychologie der Unverbindlichkeit von Beziehungen Teil 11 einer Serie zum Apostolischen Schreiben „Familiaris Consortio“ von Maria Schlachter und Raphael M. Bonelli „Ja, ich will“ ist jener Satz, der Millionen von Fernsehzuschauern dazu bringen kann, den „schönsten Tag des Lebens“ ihnen wildfremder Menschen mit Tränen der Rührung in den Augen zu verfolgen. Besonders beliebt sind […]

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Zur Psychologie der Unverbindlichkeit von Beziehungen

Teil 11 einer Serie zum Apostolischen Schreiben „Familiaris Consortio“

von Maria Schlachter und Raphael M. Bonelli

„Ja, ich will“ ist jener Satz, der Millionen von Fernsehzuschauern dazu bringen kann, den „schönsten Tag des Lebens“ ihnen wildfremder Menschen mit Tränen der Rührung in den Augen zu verfolgen. Besonders beliebt sind fesche junge Prinzen, die die Frau ihrer Träume im atemberaubend schönen weißen Kleid vor dem Traualtar zu ihrer Prinzessin machen.

Die Sehnsucht nach der ewigen großen Liebe, der Beziehung „bis dass der Tod uns scheidet“, ist ungebrochen hoch, die Realität vieler Menschen sieht aber anders aus. Bei Ehescheidungsraten jenseits der vierzig Prozent, etwa in Deutschland oder Österreich, ziehen es viele Paare vor, erst gar nicht zu heiraten und ohne eine Form von öffentlich anerkanntem institutionalisiertem Band – nach Familiaris Consortio in einer „freien Verbindung“ – zusammenzuleben, gelegentlich durchaus auch über einen sehr langen Zeitraum.

Häufig liegt einer solchen Lebensform eine fehlende Bereitschaft zur Verbindlichkeit zugrunde. Viele sind aber auch der Auffassung, dass die Besiegelung ihrer Beziehung durch den öffentlichen Akt der Eheschließung ohnehin eine reine Formsache, „symbolisch“ und daher entbehrlich sei. Ist aber ein Dokument wie eine Heiratsurkunde oder ein Trauschein tatsächlich ein rein äußerliches Zeichen für die eigentlich maßgebliche Lebensrealität?

Der Beitrag der Psychologie ist hier zunächst ein analytischer, ein Versuch, auf den Ebenen der Wahrnehmung und Kommunikation einige zugrunde liegende Ideen und implizite Botschaften der Unverbindlichkeit sichtbar zu machen.

Da ist zunächst das Argument, dass eine Heiratsurkunde ja „nur ein Symbol“ sei. Damit ist implizit die Vorstellung verbunden, wonach Symbole verzichtbar wären und mit der Realität nur am Rand zu tun hätten – Luxus sozusagen. Fein, aber eigentlich überflüssig. Ist das tatsächlich so?

Nach den Forschungserkenntnissen der Entwicklungspsychologie jedenfalls nicht: Hier ist die Repräsentation der Welt in einem Symbolsystem, das über unmittelbare Sinneseindrücke und Erfahrungen hinausgeht, eine unabdingbare Voraussetzung für die kognitive Entwicklung des Menschen und setzt bereits im Kleinkindalter ein. Symbole sind demnach etwas spezifisch Menschliches und haben eine hohe Bedeutung: einerseits als analog, auch unterbewusst wirkende Zeichen und andererseits funktional als Begriffe, die potenziell Unsichtbares, Ungreifbares sinnlich wahrnehmbar und begreifbar machen. Als solche Begriffe bieten sie eine unverzichtbare Grundlage für Kommunikation, also für die Verständigung von Menschen über gemeinsam erlebte Realität.

„Man kann nicht nicht kommunizieren“

Wie aber steht es mit der Symbolik, wenn ein Zeichen eben nicht vorhanden ist? Was vermittelt das fehlende verbindliche „Ja“ zueinander, das eine „freie Verbindung“ charakterisiert, den beteiligten Personen?

„Man kann nicht nicht kommunizieren“, stellt Paul Watzlawick, einer der scharfsinnigsten Kommunikationspsychologen des 20. Jahrhunderts, lapidar fest und meint damit, dass sowohl Handeln als auch Nichthandeln, Worte oder Schweigen stets Mitteilungscharakter haben. Sie beeinflussen andere, und diese anderen können ihrerseits nicht nicht auf diese Kommunikationen reagieren. Sich nicht festzulegen, nicht bereit zu sein, verbindlich vor anderen zueinander Ja zu sagen, ist demnach ebenfalls eine Form von Kommunikation, die eine Reaktion auslöst. Neben der Mitteilung eines Sachverhalts schwingt in der Kommunikation immer auch mit, was der Sender über sich selbst aussagt, wie er seine Beziehung zum Empfänger interpretiert und was er erreichen will. Welche Botschaft wird nun mit dem Nein zur Verbindlichkeit einer Beziehung von den Partnern über sich selbst und bezüglich der Definition ihrer Beziehung kommuniziert?

Nützen wir die Anschaulichkeit der Symbolik und vergleichen wir die Beziehung zwischen zwei Menschen mit einem jener zweispurigen Tretfahrzeuge, die man an manchen Orten ausleihen kann, um damit gemütlich durch die Landschaft zu kurven. Auf den ersten Blick würden sich die Fahrzeuge der „verbindlichen“ und der „unverbindlichen“ Beziehung in unserem Vergleich nicht unterscheiden, bei genauerer Betrachtung gibt es aber einen fundamentalen Unterschied: Der Rahmen des „verbindlichen“ Fahrzeugs ist verschweißt, des „unverbindlichen“ aber verschraubt. Beim Schweißen verschmelzen die Teile miteinander und bilden dadurch eine sehr stabile Konstruktion, geben aber etwas von ihrer Substanz unwiederbringlich preis. Schrauben hingegen können sich lockern, etwa bei Belastung. Sie können auch ganz leicht geöffnet und entfernt werden. Die Einzelteile werden also nur äußerlich zusammengehalten und bleiben daher stets autonom.

Was die Ebene der Beziehungsdefinition betrifft, sagen die nach diesem Bild „verschraubten“ Partner einer „freien Verbindung“ demnach zueinander „Ja, aber“. Dieses „aber“ multipliziert jedoch nach den Erkenntnissen der Kommunikationspsychologie die vorhergehende Aussage beim Adressaten gleichsam mit Null, verkehrt sie also in ihr Gegenteil. Die Botschaft ist daher inkonsistent und widersprüchlich. Auf das „Ja“ des Partners ist kein Verlass, weil es jederzeit zurückgenommen werden kann. Was wie eine stabile Verbindung scheint, entpuppt sich somit bei genauerem Hinsehen als fragile Konstruktion mit eingebauter Sollbruchstelle. Dadurch birgt jede Belastung des „Fahrzeugs“ ein größeres Risiko als beim verschweißten Rahmen der Verbindlichkeit.

Was kommunizieren nun die Beziehungspartner einer „freien Verbindung“ über sich selbst, wenn sie sich – nach unserem Bild – lediglich miteinander „verschrauben“? Maßgeblich ist hier offenbar die Autonomie, der hohe Stellenwert der Unabhängigkeit, für den eine zu fixe Bindung an einen anderen der eigenen „Beweglichkeit“ hinderlich ist. Wenn es die Partner irgendwann in verschiedene Richtungen zieht – sie sich auseinanderentwickeln, wie es dann heißt –, ist eine Trennung somit wesentlich einfacher. Daher schwingt bei der Unverbindlichkeit die Möglichkeit des Scheiterns schon immer mit. Vorsorge für die Trennung von Anfang an sozusagen. Diese Botschaft trägt den Keim des Misstrauens in sich und impliziert den Vorrang der Autonomie über die Beziehung.

Diese Bedeutung der Autonomie und Unabhängigkeit des Einzelnen ist Ausdruck eines Zeitgeistes, der sich nicht verbindlich festlegt, weil er ständig aus einer scheinbar unbegrenzten Anzahl von Möglichkeiten wählen kann – und scheinbar auch muss –, was der eigenen Befindlichkeit und der optimalen Selbstverwirklichung am besten dient. Leben bedeutet nach dem deutschen Psychologen und Herausgeber einer populären Zeitschrift für Psychologie, Heiko Ernst, für immer mehr Menschen, ständig „auf dem Sprung“ zu sein. Mobilität ist daher nach seiner Analyse eine erforderliche „Tugend“ des postmodernen Menschen in Bezug auf alle Lebensbereiche. In Beziehungen führt sie dazu, dass Bindungen an einen Partner oder die Familie von vornherein nicht als lebenslang begriffen, sondern abhängig von sich wandelnden individuellen Bedürfnissen gegebenenfalls immer wieder neu gestaltet werden. Die „freien Verbindungen“ erscheinen da fast als logische Folge dieses Selbstgefühls des unverbindlichen Menschen der Postmoderne.

„Auch in späteren Jahren sind Kinder auf klare Modelle und Grenzen angewiesen“

Das Familienleben solcher unverbindlichen Beziehungen ist laut Heiko Ernst daher anders als früher zunehmend elternzentriert, die Bedürfnisse der Kinder rangieren erst weiter hinten. Zahlreiche Studien auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie belegen aber, dass die konsistente Zuwendung und förderliche Interaktion mit einer zentralen Bezugsperson in den ersten Lebensjahren entscheidend für eine stabile kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes ist. Aber auch in späteren Jahren sind Kinder in ihrer Persönlichkeitsreifung auf klare Modelle und Grenzen angewiesen, die in erster Linie innerhalb der Familie erfahren werden. Eltern, die primär mit ihren eigenen Bedürfnissen beschäftigt und in ihrer Partnerbeziehung nicht gefestigt sind, haben aber erfahrungsgemäß weniger freie Ressourcen, um ihren Kindern das Wachstumsklima zu gewährleisten, das sie für ihre kognitive und soziale Entwicklung brauchen.

Ein Heiratsdokument, das die „freien Verbindungen“ von einer Ehe formal unterscheidet, ist also tatsächlich eine Formsache, ein Symbol, und zwar mit einer klaren Botschaft. Diese Botschaft beinhaltet Werte und Tugenden, die gegen den herrschenden Zeitgeist gerichtet sind und in ihrer Bedeutung weit über die Beziehung zwischen zwei Menschen hinausgehen: Treue und Verbindlichkeit auch in schwierigen Zeiten, eigene Bedürfnisse zurückstellen zu können, haben sowohl für die Partner als auch für deren Kinder, aber auch für die Gesellschaft konkrete Auswirkungen. Es ist unter anderem Aufgabe von Psychologie und Psychotherapie, die oft unterschwelligen Botschaften einer Lebenssituation sichtbar zu machen – und vielleicht kommt es dann gelegentlich von einem „Ja, aber“ zum „Ja, ich will!“

Die Verfasserin ist Psychologin und Kunsthistorikerin sowie Vorstandsmitglied des Wiener „Instituts für Religiosität in Psychologie und Psychotherapie“ (RPP).

Der Verfasser ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, arbeitet als Psychotherapeut in Wien und leitet das von ihm gegründete RPP-Institut.

Der Artikel wurde in der deutschen Zeitung Die Tagespost veröffentlicht.

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Ein Plädoyer für den Zölibat aus Sicht der Psychologie https://seite.bonelli.tv/ein-pladoyer-fur-den-zolibat-aus-sicht-der-psychologie/ Tue, 11 Oct 2011 21:26:23 +0000 http://www.bonelli.tv/?p=418 Wer als Psychologe forscht und arbeitet, weiß, dass die zölibatäre Lebensform wie die Ehe dem Menschen alle Möglichkeiten gibt, an Leib und Seele gesund und glücklich zu leben – weil diese Entwürfe auf Verbindlichkeit angelegt sind. Eine Widerlegung gängiger Verdächtigungen des Zölibats von Raphael M. Bonelli Der Blickwinkel eines Psychiaters auf ein religiöses Phänomen wie […]

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Wer als Psychologe forscht und arbeitet, weiß, dass die zölibatäre Lebensform wie die Ehe dem Menschen alle Möglichkeiten gibt, an Leib und Seele gesund und glücklich zu leben – weil diese Entwürfe auf Verbindlichkeit angelegt sind. Eine Widerlegung gängiger Verdächtigungen des Zölibats

von Raphael M. Bonelli

Der Blickwinkel eines Psychiaters auf ein religiöses Phänomen wie den Zölibat ist ein spezieller, und man darf die Frage stellen, ob er überhaupt etwas Brauchbares aussagen kann. Die zweidimensional verflachte Sichtweise der Psychologie auf ein dreidimensionales Phänomen hat nämlich zwangsläufig einen Reduktionismus zur Folge. Ohne die dritte Dimension, der Transzendenz, ist aber das zölibatäre Phänomen nur mangelhaft erfassbar, da diese Lebensform wie keine andere vom Wesen her transzendent ausgerichtet ist. Weil sich aber die Kritik an dieser Lebensform fast ausschließlich in diesem platten Koordinatensystem bewegt, ist hier eine saubere Analyse doch von Nutzen.

Der Psychiater begegnet dem Menschen in dreierlei Krisen: erstens in endogenen psychischen Störungen, die durch ein Ungleichgewicht im Gehirnstoffwechsel verursacht werden, zweitens in reaktiven Störungen, die durch ein Trauma hervorgerufen sind, und drittens in neurotischen Störungen, die durch ein „Verheddern“ des Ich in sich selbst verursacht werden. Diese Störungen kommen sowohl beim Zölibatären und beim Verheirateten vor, wie auch beim Ungebundenen, der das Freiheits- und Lebensideal des Zeitgeistes lebt. Allerdings wird beim Zölibatären besonders gerne und unwissenschaftlich vorschnell ein kausaler Zusammenhang zwischen der psychischen Störung und seinen spezifischen Lebensumständen hergestellt. Ein depressiver oder alkoholkranker Pfarrer ist für einfache Gemüter schon ein schlagender Beweis, dass der Zölibat nie gelingen kann. Psychodynamisch auffällig ist, dass den zölibatären Menschen, die sich reflektiert und freiwillig in diesen Lebensstand begeben haben, schulmeisterlich ein quälendes „nicht dürfen“ unterstellt, während den Ungebundenen, die sich mehrheitlich unfreiwillig in diesem Zustand befinden, ein fröhliches „alles können“ a la James Bond konstatiert wird. Das lässt tief blicken auf die ideologisierten Scheuklappen vieler Zeitgenossen.

Während in der Krankheitsgruppe der endogen-biologischen Gebrechen alle drei Lebensstile gleich häufig betroffen sind, sind reaktive psychische Störungen, hier als zweite Gruppe benannt, in der Praxis beim Verheirateten häufiger. Grund dafür ist, dass er am engsten an Mitmenschen gebunden ist und damit häufig selbst ins Wanken gerät, wenn der Partner oder die Kinder in eine existenzielle Krise geraten. Ehe ist ein sehr enges, verwundbares und krisenanfälliges Lebensmodell, das einerseits viel Stütze und andererseits viel Belastung bedeuten kann. Quälende Ehesituationen gehen besonders an die Substanz und gehören zu den häufigsten Gründen, warum Psychotherapeuten aufgesucht werden. Hier hat der Zölibatäre den Vorteil, dass sein Lebenspartner – Gott – keine Launen und Egoismen aufweist, und auch nicht in die Krise fällt. Der Ungebundene hingegen ist sich selbst der Nächste.

Bei den neurotischen Störungen, der dritten Gruppe, findet man aus psychiatrisch- wissenschaftlicher Sicht bei der unverbindlichen Lebensform ein signifikant höheres Risiko, Süchte und neurotische Ängste zu entwickeln und im Alter durch Vereinsamung, Verbitterung und Sinnverlust eine höhere Suizidrate aufzuweisen als bei den verbindlichen Lebensformen. Erklärbar ist das durch die fehlende Hingabe in der James-Bond-Gruppe, im Vergleich zu Zölibatären oder Eheleuten, die sich selbst und ihre Bedürfnisse immer wieder aus Liebe zurückgestellt haben. Der Ungebundene steht hier nicht für jeden Ledigen, sondern für das zeitgeistige Lebenskonzepts der Unverbindlichkeit. Selbstverständlich können auch Ledige ein selbstloses Leben führen, und auch Eheleute und Zölibatäre sind den Gefahren der Selbstverfangenheit und des Egoismus ausgeliefert. Wer ein Leben lang danach trachtet, „sich selbst zu verwirklichen“ und „auf seine Bedürfnisse zu achten“ anstatt einem größerem Ideal zu dienen, der wird offensichtlich immer mehr auf sich selbst zurückgeworfen und endet häufig in der Verzweiflung. Es entspricht dem Menschen, sich aus Liebe hinzugeben; das ängstliche oder egoistische Selbstbewahren hingegen führt in die Verbitterung. Die frei gewählte Verbindlichkeit in Ehe und Zölibat hat psychoprotektive – also seelensichernde – Funktion, auch wenn es manchmal zur Sehnsucht nach Ausbruch aus dieser Liebesbindung kommen kann.

Mit Hinweis auf die Psychologie kritisieren manche, dass der „Zwangszölibat“ der katholischen Priester menschlich unzumutbar sei. Da Zölibat eine lebenslange Entscheidung ist, würde aus psychologischer Sicht ein „Zwang“ in diese Richtung tatsächlich äußerst problematisch sein. Genauer analysiert meint die Kritik aber meist nur die Verbindlichkeit. Es ist weder Zwang noch Erpressung, wenn beispielsweise die Frau vor der Hochzeit klarstellt, dass sie keinen Ehebruch des Mannes wünscht. Das ist eine Bedingung, auf die der Bräutigam sich sehenden Auges einlässt. Gleichermaßen kann man sagen: Unter welchen Bedingungen die Kirche jemanden zum Priester weiht, ist ihre Sache. Wer sich darauf wissentlich einlässt, wurde weder gezwungen noch erpresst, sondern hat die Bedingungen akzeptiert. In der Regel ist die Entscheidung zum Zölibat wesentlich länger und besser geprüft als die zur Ehe: Irgendwann entscheidet er sich aber dann, und dann wird es verbindlich, denn der Zölibatäre ist eben nicht ungebunden, und seine Lebensform nicht unverbindlich. In der Psychotherapie sieht man recht häufig, wie Ehebrecher sich in einer Form von Selbstbetrug als Opfer darstellen, ihre Tat schönreden, die ursprüngliche Eheentscheidung als unfrei uminterpretieren und den Partner in die Täterrolle zwängen – nur um sich selbst die quälenden Schuldgefühle zu nehmen. Das nennt man Rationalisierung. Derselbe psychische Mechanismus tritt auch manchmal bei Zölibatären in der Krise auf, dann oft von medialem Jubel ob eines armen befreiten Gefangenen begleitet.

Oft wird auch mit (pseudo)psychologischem Ton postuliert, dass die permanente Ehelosigkeit um eines höheren Zieles willen psychologisch gesundheitsschädlich sei. Gerne wird hier Sigmund Freud zitiert: „Die Ursache der Neurose ist der von der Wirklichkeit aufgedrängte Verzicht auf Befriedigung der Sexualwünsche.“ Einerseits gilt das Postulat vom neurotisierenden Sexualverzicht heute nicht mehr als brauchbares therapeutisches Konzept für Pädophile und andere Straftäter, andererseits betont Freud selbst, dass nur die Unfreiwilligkeit zur Neurose führt. Sein Schüler Carl Gustaf Jung wird ein paar Jahre später genauer: „Wenn die sexuelle Enthaltsamkeit keine Flucht vor den Nöten und Verantwortungen des Lebens und des Schicksals ausdrückt, dann ist sie keinesfalls schädlich. Sie muss aber frei ausgewählt sein und auf religiösen Überzeugungen beruhen: alle anderen Motivationen sind zu schwach und verursachen Mangel an innerlicher Einheit, und dadurch die Neurose, welche immer einen moralischen Konflikt austrägt.“

In der heutigen Zeit betreiben manche eine Pathologisierung des kontrollierten Sexualtriebs. Der Zölibatäre – wie jeder normale Mensch – sollte den Input zu regeln wissen und eine Erregung vermeiden, die nur im Kontext einer Liebeshingabe sinnvoll sein würde. Jede Autoerotik führt beim Zölibatären in die falsche Richtung: Erregen und verdrängen ist der falsche Weg. Gas und Bremse gleichzeitig macht das Auto kaputt. Die Fähigkeit, auf Sexualität verzichten zu können, ist nicht nur möglich, sondern übrigens auch in jeder partnerschaftlichen Beziehung notwendig. Sex erscheint in der Pubertät vielleicht vorübergehend ein unbeherrschbar mächtiges Phänomen zu sein, das dann aber im Laufe der Zeit durch Reifung zu einem Instrument und einer Sprache der Liebe kultiviert werden muss. Sexualität muss jederzeit aus Rücksicht auf das geliebte Du oder um eines höheren Gutes willen zurückgefahren werden können. Auf Erotik kann der Mensch ohne Gesundheitsschäden verzichten, im Gegensatz zum Essen oder Trinken. Sexualität darf auch keinesfalls als Medikament für irgendwelche Störungen missverstanden werden.

Jede Lebensform kann ich-haft scheitern. Das heißt, dass sich der Mensch in sich selbst verspinnt, sich seiner ursprünglichen Liebe entfremdet und den Blick auf die anderen verliert. Zölibat ist zwar vom Konzept die selbstloseste Lebensform, und er unterliegt auch nicht der Versuchung des biologischen Egoismus, in dem die eigenen Kinder als narzisstische Kopien missverstanden werden – aber bei Verlust der Gottesbeziehung fällt der Zölibatäre auf sich selbst zurück und regrediert zum Unverbindlichen.

Ein religiös motivierter Lebensstil stabilisiert die psychische Gesundheit, wie eine rezente wissenschaftliche Metaanalyse an der US-amerikanischen Duke-University gezeigt hat. Das heißt, dass der Glaube das Leben prägt und formt. Bei Verlust der religiösen Überzeugung ist die zölibatäre Lebensform dann sinnentleert und wird vielleicht nur äußerlich aus Opportunitätsgründen fortgeführt. Dieser Spagat ist psychisch belastend, weil das „Warum“ verloren gegangen ist. Das führt zu einem Doppelleben, das nicht mehr glücklich macht. Ein Zölibatärer ohne Gebet triftet immer mehr in ein unverbindliches Selbstverständnis ab, bis er seine ursprünglich eingegangene Verbindlichkeit nicht mehr erträgt.

Tatsache ist, dass auf Dauer nur psychisch gesunde Persönlichkeiten zum zölibatären Weg fähig sind. Die Ehefähigkeit ist dabei eine Voraussetzung. Ein schizoides Desinteresse an jeglicher menschlicher Beziehung oder sexuelles Desinteresse an einer erwachsenen Frau ist keinesfalls Zeichen einer Berufung, sondern im Gegenteil ein Ausschlusskriterium. Der Zölibat ist nur dann wertvoll und echt, wenn ihn ein ehefähiger Mensch wählt. Ein eheunfähiger Mensch lebt niemals zölibatär, auch wenn er diesen Lebensstil äußerlich imitiert. Als aktuelles innerkirchliches Beispiel sei die Ephebophilie genannt– das sexuelle Interesse eines erwachsenen Mannes am geschlechtsreifen männlichen Jugendlichen. Diese Männer haben kein natürliches Interesse an einer Ehe. Die Daten der gegenwärtigen kirchlichen Missbrauchsfälle von Deutschland, Österreich und der Schweiz ähneln einander: etwa 70 Prozent der sogenannten Pädophilie-Fälle waren ephebophile Taten, 20 Prozent waren Übergriffe auf geschlechtsreife Mädchen und zehn Prozent echte Pädophilie-Fälle (Kinder unter zehn Jahren). Der „John Jay Report“ aus den USA findet ganz ähnliche Zahlen, insbesondere bei den sogenannten „Specialists“- Tätern. Dort waren 82 Prozent der kirchlichen US-Missbrauchsopfer zwischen 1950 und 2002 männlichen Geschlechts. Ein ehefähiger zölibatärer Mann kann zweifellos manchmal bei einer erwachsenen Frau schwach werden – unter keinen Umständen wird er aber ephebophil oder pädophil, auch wenn er schon sehr lang auf Sexualität verzichtet hat.

Der bekannte US-Psychologe Martin Seligmann konstatiert zu Recht, dass die alte Psychologie defektorientiert war – dass also alles, was unter die psychologische Lupe genommen, nach Defekten abgesucht wurde. Die moderne positive Psychologie hingegen, die sich in den USA immer mehr durchsetzt, sucht nach Stärken und Ressourcen des Menschen, und pathologisiert nicht sofort jeden Lebensumstand.

In der Tat findet man nach der Methode der modernen Ressourcenpsychologie viele Möglichkeiten, die eine zölibatäre Lebensform eröffnet. Die emotionale Energie, die der Verheiratete zu Recht in Partnerschaft, Nestbau und Brutpflege investiert, ist beim Zölibatären verfügbar für die Gottesbeziehung „mit ungeteiltem Herzen“ und zum Dienst am anderen. Beziehungsarbeit, bei Verheirateten Zweisamkeit mit dem Partner, beim Zölibatären Gebet, ist eine wertvolle Investition in die Zukunft, die der Unverbindliche zu seinem langfristigen Schaden nicht in dem Maß leistet. Der Zölibatäre kann die Freiheit des Junggesellen mit der Verbindlichkeit und damit der menschlichen Reifung des Verheirateten vereinen. Das gelungene zölibatäre Leben zeigt ein Nähe-Distanz-Phänomen: Er kann durch seine selbstlose Hingabe große Nähe herstellen und gleichwohl die nötige Distanz halten. Genau wegen der Verpflichtungen, die er auf sich genommen hat, versteht der Zölibatäre viele Dimensionen des Ehelebens und hat das Potenzial, sich zu einem selbstlosen Berater zu entwickeln. Johannes Paul II. und Mutter Teresa sind zwei Bespiele für Menschen, die nur durch diese Lebensform ein äußerstes Maß an Hingabe an Gott und die anderen leben konnten. Vieles tief Menschliche ist nur durch Verbindlichkeit erfahrbar: Lebenserfahrung, Treue, Konstanz auch an „schlechten Tagen“. Daraus resultiert mehr Beziehungsfähigkeit, mehr Intensität in der Begegnung, mehr Freiheit, mehr Überblick. Er kann dadurch mehr die Richtung angeben, und das braucht sowohl die Kirche wie auch die Gesellschaft.

Der Artikel wurde in der deutschen Tagespost veröffentlicht. 

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