Der Sonntag: In Ihrem Interview für den „Sonntag” im Oktober 2009 sprachen Sie von einer „gesundheitsfördernden und psychohygienischen Dimension der Religiosität”. Was ist darunter zu verstehen?

Bonelli: Als Facharzt für Psychiatrie bezog ich das auf die psychischen Krankheiten. Viele neuere wissenschaftliche Studien zeigen einen wohltuenden, ja psychohygienischen Einfluss der Religiosität. Wir sehen das ganz besonders im Bereich der Sucht, der Depression und der Selbstmordprävention. Religiöse Menschen sind da etwas geschützter. Die alte These, dass Religion eine „kollektive Zwangsneurose” sei, wie etwa Sigmund Freud meinte, dass sie „gesundheitsschädlich” sei und deshalb krank mache, wurde in unserer Zeit aufgrund der empirischen Daten fallen gelassen.

Das heißt aber nicht, dass ein Kranker nur genug glauben muss, um auch gesund zu werden. Glaube darf nie als Medizin verkauft werden. Glaube ist kein Mittel zum Zweck, und schon gar nicht zum Zweck der Gesundheit.

Sind religiöse Menschen „gesünder”?

Bonelli: Natürlich durchwirkt ein gelebter Glaube mit den entsprechenden verinnerlichten Werten auch den Lebensstil. Der gläubige Mensch lebt oft gesünder, weil er vielleicht weniger exzessiv Alkohol und sonstige Suchtmittel konsumiert, sich möglicherweise beim Essen mehr zurückhält, die Sexualität geordneter lebt, weniger der Arbeitssucht verfällt (Stichwort Workaholic), die Familie hochhält, die Beziehungen pflegt, gegen seinen Egoismus ankämpft und Rücksichten nimmt, also das Risikoverhalten reduziert.

Zusammenfassend kann man annehmen, dass ein Mensch, der wirklich aus seinem Glauben lebt, auch dem Menschsein gemäßer lebt. Alle genannten Verhaltensweisen, die das Christentum und auch andere Religionen fördern und fordern, sind kurzfristig unangenehm, langfristig aber heilsam.

Es ist letztlich ungesund, häufig wechselnde Sexual- und Lebenspartner zu haben oder sich jeden Abend mit Alkohol volllaufen zu lassen. Der liebe Gott hat uns, salopp formuliert, mit den Zehn Geboten eine ideale Gebrauchsanweisung für den Menschen mitgegeben.

Eine darauf bauende Verhaltensänderung durch Religion tut dem Menschen gut, das belegen erstaunliche Studien, wie etwa die vielzitierten von Hummer (1999) und Oman (1998), die ergaben, dass religiöse Menschen eine längere Lebenserwartung haben.

Was kann an der Religiosität gesundheitsfördernd sein, was psychohygienisch?

Bonelli: Die Religion lehrt den Menschen, sich selbst zu erkennen, also zu sich zurückzufinden, durch die Irrtümer des jeweiligen Zeitgeistes hindurch. Sich nicht zu überschätzen, sein Leben nicht unausgewogen und einseitig zu gewichten.

Psychohygienisch wirkt das Wegführen von Egoismus, Hochmut und Eitelkeit. Der Mensch lernt, sich demütig einzufügen in eine größere Ordnung, in die menschliche Gemeinschaft. Natürlich gibt es auch eine „ungesunde” Religiosität, die ängstlich macht oder fanatisch.

Aber das ist dann eine missverstandene, misslungene und letztlich „ichhafte” Religiosität. Bei dieser Form des Glaubens sucht der Mensch sich selbst und missbraucht die Religion zu seinen Zwecken.

Was hilft religiösen Menschen im Umgang mit der Krankheit? Mit der eigenen, mit der Krankheit anderer?

Bonelli: Der gläubige Mensch lebt in dem Bewusstsein, dass er Gottes Geschöpf ist, dass der Allmächtige ihn in seiner Hand hält. Geborgen in Gott kann letztlich nichts passieren, was Gott nicht zugelassen hätte – zum Wohl oder zur Prüfung des Menschen.

Besonders Christen, die ja den Tod und die Auferstehung Jesu Christi stets vor Augen haben, wissen aus der Selbstoffenbarung Gottes um den Sinn des Leidens und darum, dass hinter jeder dunklen Nacht der Krankheit ein liebender, barmherziger Vater seine Arme ausbreitet.

Ostern ist für den Christen die Garantie, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist und dass das Leben nicht sinnlos ist.

Das Interview wurde in der Wochenzeitung der Erzdiözese Wien Der Sonntag veröffentlicht.